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Datum

05. Dezember 2019

Autor

Ulf Mallek

Redaktion

Wirtschaft in Sachsen

Foto: © Hermsdorf

Bitcoin ist ein Wunderland

Einer der bekanntesten deutschen Blockchain-Experten erklärt die Zukunft des neuen Goldstandards aus dem Internet. Doch so schnell wird er den Euro nicht ablösen.

Der gebürtige Dresdner Jörg Hermsdorf reist ständig durch Deutschland und die Welt, um den Menschen die Blockchain und das digitale Geld näherzubringen. Er ist Co-Founder der Kölner Firma BlockChain Service GmbH.

Herr Hermsdorf, Sie gelten als einer der besten technischen Blockchain- und Bitcoin-Experten in Deutschland. Wie fanden Sie zu Bitcoin?

Auch durch mein Informatikstudium an der TU Dresden und die Bachelorarbeit. Da habe ich 2005 über die Sicherheit in verteilten, anonymen Netzwerken geforscht und viel über Kryptografie gelernt. Außerdem habe ich Kognitionswissenschaften studiert, also die Erforschung der Architektur und Funktionsweise des menschlichen Gehirns, und es gibt meiner Erkenntnis nach sehr viele Ähnlichkeiten zwischen dem Bitcoin-Netzwerk und unserem Gehirn, das am Ende ja auch nur ein dezentrales Netzwerk aus Neuronen-Verbindungen ist.

Von Bitcoin habe ich dann allerdings erst im Jahr 2011 gehört, also drei Jahre nach dessen Erfindung durch Satoshi Nakamoto und der Veröffentlichung seines White Papers – was als Gründungsdokument der digitalen, dezentralen Währungen gilt.

Na ja, nettes Spielgeld, habe ich damals gedacht. Zwei Jahre später hatte ich dann aber einen Aha-Moment: Aus Bitcoin könnte doch etwas werden, eine richtige Währung mit einem echten Wirtschaftskreislauf. Dennoch musste ich mich noch lange mit der Ökonomie von Bitcoin beschäftigen, um das richtig zu verstehen. Bitcoin ist das erste vom Menschen geschaffene System, in dem Mathematik, Informatik, Physik und Ökonomie untrennbar zusammentreffen.

Es ist wie eine Reise in den Kaninchenbau von Alice im Wunderland. Man beginnt, sehr viele Dinge zu hinterfragen und aus einer neuen Perspektive zu sehen. Die Wirtschaft zum Beispiel, sagen die meisten Mainstream- Ökonomen, braucht eine gewisse Inflation. Mit Bitcoin wäre das nicht möglich. Doch es funktioniert tatsächlich auch ohne Inflation der Geldmenge, sogar ohne Geldpolitik.

Das Bitcoin-System hat keine Schwachpunkte, kann nicht fehlgesteuert werden oder zusammenbrechen. Es ist ein erteiltes, stabiles System, das einfach rund um die Uhr funktioniert und bisher allen systemischen Angriffen und Manipulationsversuchen standhält. Bitcoin ist das sicherste Computernetzwerk der Welt, das macht es für mich als Technologen so spannend.

Was genau macht Ihre Firma, die CONSERVE BlockChain Service GmbH in Köln, deren Mitgründer Sie sind?

Foto: © SZ-Grafik

Wir helfen unseren Kunden, die Blockchain und Bitcoin zu verstehen und damit umzugehen. Das klingt vielleicht etwas trivial, aber Leute, die einen Zugang zu dieser Technologie suchen, verschwenden viel Zeit, oft mehrere Jahre. Sie nehmen nutzlose oder falsche Informationen auf. Denn es gibt bisher wenig gute Literatur, sondern vor allem Youtube-Videos und Podcasts und größtenteils nur in Englisch. Doch die enthalten für Neueinsteiger oft keine relevanten oder verständlichen Informationen.

Wir versuchen mit speziellen Workshops erstens wirklich strukturiertes Verständnis auf Deutsch rüberzubringen und zweitens daraus praktische Lösungen für Privatpersonen, Unternehmen oder Institutionen abzuleiten. Wir bieten aktuell in Deutschland, Österreich und der Schweiz alle Leistungen für die erfolgreiche Durchführung eines Bitcoin- bzw. Blockchain-Projektes aus einer Hand: Beratung, Programmierung und Schulung.

Wie verbreitet ist denn Bitcoin inzwischen schon?

Zwischen 10 und 100 Millionen Menschen weltweit besitzen Bitcoin. Das sind Hochrechnungen, denn es gibt ja keine zentrale Registrierungsstelle. Also zwischen 0,5 und 1,5 Prozent der Weltbevölkerung. Der Mittelwert liegt aktuell bei 50 Millionen Nutzern. Allerdings verdoppelt sich diese Zahl ca. alle 18 Monate. In der virtuellen Welt bildet sich jetzt langsam eine eigene Bitcoin- Ökonomie heraus: Computerpower, Speicherplatz und Programmierung kann ich mir heute schon mit Bitcoin kaufen. Das sind die drei Grundlagen für digitale Geschäftsmodelle. Daraus entwickelt sich ein eigener globaler Wirtschaftskreislauf.

Wenn Programmierer in Simbabwe oder dem Iran sitzen, dann ist es einfacher, sie mit Bitcoin zu bezahlen anstelle mit US-Dollar. Jeder, der Zugang zum Internet hat, kann Bitcoin als Entgelt für seine Arbeit empfangen. Bitcoin ist also nicht nur eine Spekulation, sondern kommt langsam in der realen Wirtschaftswelt an.

Zudem gab es dieses Jahr im Februar zum ersten Mal eine Bitcoin-Transaktion zwischen zwei Staaten, zwischen Argentinien und Paraguay. Viele kleinere Staaten haben mit gedrucktem Geld – dem sogenannten Fiatgeld – große Probleme. Sie kämpfen mit dem Wertverfall und Kaufkraftverlust. Sie suchen nach Alternativen. Zurück zum Gold wäre eine Möglichkeit, ist im Informationszeitalter aber verhältnismäßig kostspielig, langsam und schwer zu bewegen.

Bitcoin hingegen hat kein Gewicht und bewegt sich fast mit Lichtgeschwindigkeit über Kabel, Funk und Satellit – über große Distanzen, an jeden Ort der Welt. Wenn Bitcoin langfristig die gleichen Sicherheits- und Werterhalts-Eigenschaften wie Gold aufweist, könnte es eine Alternative sein, eine neue weltweite Standard-Reserve-Währung werden. Vielleicht dauert das aber noch 10 bis 20 Jahre.

Man hört von Hacks auf Bitcoin- Börsen, von digitalen Diebstählen riesiger Summen, von Skalierungsproblemen und Sorgen beim sicheren Aufbewahren der Coins. Schnelles digitales Bezahlen sieht anders aus, oder?

Eine große, weit verbreitete Blockchain wird von Natur aus immer verhältnismäßig langsam sein, zumindest deutlich langsamer als andere System-Architekturen. Es geht vielmehr um systemische Sicherheit, genauer gesagt um die Unveränderlichkeit von Daten. Und das hat seinen Preis. Sicherheit oder Geschwindigkeit? Man kann von beidem nicht gleichzeitig das Maximum haben.

Bitcoin definiert derzeit das Maximum an Unveränderlichkeit, das der Mensch im digitialen Raum, im Cyberspace, schaffen kann. Doch ein sicheres System kann man schneller machen, ein schnelles System hingegen später auf Sicherheit zu trimmen, ist oft nicht mehr möglich.

Die Hacks der Bitcoin-Börsen, von denen man öfters hört, sind keine systemischen Sicherheitsprobleme des Bitcoin-Netzwerks, sondern so etwas wie einzelne Banküberfälle. Viele Bitcoin-Exchanges sind aktuell eher noch Blech-Hütten oder Kiosk-Buden statt Fort-Knox-Festungen. Und da dort größere Mengen Bitcoin liegen, sind sie beliebte Angriffsziele für Hacker.

Weshalb ist es so schwer, diese Probleme zu lösen?

Aus meiner Sicht braucht es einfach nur Zeit. Dezentralisierung ist schwierig, extrem schwierig – die Königsdisziplin der Informatik. In der ersten Phase der Systeme und Netzwerke im Internet war es doch so, dass wir zugunsten eines schnellen Fortschritts Kompromisse bei der Sicherheit, Datenschutz und Privatsphäre eingegangen sind.

Es ging darum, möglichst schnell möglichst viele Nutzer zu bekommen. Dieser Ansatz fällt uns heute zunehmend auf die Füße, wenn wir z.B. an Facebook und Cambridge Analytica denken.

Tatsächlich wird Bitcoin nur dann eine weltweite und langfristig akzeptierte Währungs-Alternative werden, wenn das Protokoll und das Netzwerk weiterhin sicher und zensurresistent bleiben.

Welche Rolle spielt das Alter der User dabei?

Die Generation Z, die Millenials, stört die gewöhnungsbedürftige Benutzbarkeit nicht so sehr. Sie wachsen damit auf. Doch es wird viel getan in Sachen Benutzerfreundlichkeit, um auch die älteren Generation zu erreichen – jetzt, nachdem die wichtigsten Probleme wie die Bereitstellung eines fälschungssicheren, dezentralen Netzwerkes erst mal gelöst sind und praktikable Skalierungsansätze ersichtlich sind. Beim Internet war das ähnlich. Denken wir an die Standardisierung des E-Mail-Protokolls „SMTP“ , die schon 1982 erfolgte. Aber erst etwa 15 Jahre später stand die Infrastruktur und Software für eine massenhafte Verbreitung der E-Mail zur Verfügung.

Was halten Sie von Versuchen – wie der Firma Coinbase – kryptobasierte Kreditkarten herauszubringen?

Das sind Brückenlösungen zwischen der Bitcoin-Welt und der Konsumwirtschaft, die ja bereits gut und flächendeckend an die Kreditkarten-Netzwerke angeschlossen ist. Ähnlich wie das „Mo- dem“ anfangs eine Brückenlösung zwischen den bestehenden Telefonnetzen und dem Internet war. Allerdings ist so eine Krypto-Kreditkarte derzeit nur für diejenigen in Deutschland interessant, die ihr Einkommen schon größtenteils in Bitcoin beziehen, aber ihren Alltag in Euro bestreiten. Alle anderen haben ja in der Regel schon eine Kreditkarte. Für die meisten ist Bitcoin derzeit eher ein Wertspeicher, das digitale Gold der Zukunft.

Für physische Gold-Deposits gibt es ja schon lange ähnliche Kreditkarten, doch finden diese kaum Verbreitung. Nach dem „Gresham’schen Gesetz“ werden die Menschen das „bessere Geld“– das seine Kaufkraft über die Zeit am besten behält – immer horten und stattdessen erstmal das „schlechtere Geld“ – das seine Kaufkraft schneller verliert – ausgeben. Der Euro – der noch nicht einmal 20 Jahre in Deutschland im Umlauf ist – hat seit seiner Einführung schon circa 30 Prozent seiner Kaufkraft verloren. Bitcoin hingegen hat in den letzten acht Jahren 270.000 Prozent an Kaufkraft gewonnen.

Wie sieht es anderswo auf der Welt aus?

In Afrika oder Latein-Amerika gibt es viele Menschen, die nicht mal ein Bankkonto haben. Sie bekommen auch keins und somit auch keine Kreditkarte. Aber sie haben inzwischen fast alle ein Handy. Heute sind etwa drei Milliarden Menschen ans Internet angeschlossen. Jetzt läuft ein Wettlauf, zum Beispiel von Elon Musk mit SpaceX oder Amazon, die restlichen gut vier Milliarden Menschen über Satelliten auch noch ans Internet anzuschließen.

Jeder, der einen Internetanschluss hat, kann dann sofort Bitcoin empfangen und anschließend wieder damit zahlen, auch ohne Kreditkarte. Bald werden wir Apps auf unseren Smartphones haben, die automatisch im Rahmen eines Budgets Preise selbstständig aushandeln und uns die Dinge kaufen, die wir benötigen. Bitcoin könnte somit eine Art Weltgeld im Internet werden.

Bitcoin befindet sich derzeit in unterschiedlichen Phasen der Geldwerdung gleichzeitig: in manchen Ländern eher als Wertspeicher und in manchen Ländern als Zahlungsmittel für internationale Geschäfte oder Bestellungen.

Bitcoin dominiert den Krypto- Markt mit etwa zwei Dritteln, der Rest sind über 1000 andere Coins. Werden die alle verschwinden?

Ich glaube nicht, dass alle anderen verschwinden werden, aber die meisten davon werden zumindest verwaisen. Es ist auf Dauer ökonomisch ziemlich ineffizient, wenn viele öffentliche Protokolle um die gleiche Funktion – in diesem Fall die Geld-Funktion – konkurrieren. In einem freien Markt werden die Teilnehmer immer auf einen Standard konvergieren. Zumindest im Internet ist Bitcoin jetzt schon dieser Quasi-Standard.

Dennoch, ein paar andere Coins werden übrig bleiben, als Experimentierfeld beispielsweise, aber ohne ökonomische Relevanz. Bitcoin selbst ist auch nichts „Statisches“, es können neue Eigenschaften implementiert werden. Die einzig unveränderlichen Konstanten bei Bitcoin sind die begrenzte Geldmenge von 21 Millionen perfekt teilbaren Einheiten, sowie das anonyme, dezentrale, zensurresistente Mining. Alles andere steht offen zur Debatte und kann prinzipiell jederzeit überarbeitet werden. Da ist es für andere Coins schwierig, Bitcoin einzuholen. „Überholen ohne einzuholen“, wie von Walter Ulbricht in der DDR einmal postuliert, ist gänzlich unmöglich.

Wie sehen Sie die Zukunft des weltweiten Währungssystems? Werden die Staats-Währungen wie Dollar oder Euro alle zugunsten des Bitcoins ihren Platz räumen?

Vermutlich nicht zu unseren Lebzeiten. Wir befinden uns ja erst ganz am Anfang der Akzeptanz-Phase von Bitcoin. Bis zu einer Verdrängung sämtlicher Staatswährungen ist es ein sehr langer Weg. Die Frage ist eher: Welche Kaufkraft hat ein Euro oder Bitcoin in 10 Jahren? Ich sehe Bitcoin eher als ein Korrektiv, das den Fiat-Währungen gegenübersteht, wenn sie es mit ihrer expansiven Geldpolitik zu sehr übertreiben. Bitcoin ist einfach eine neue Ausprägung des Internets. Und das Internet hat bisher weder die klassischen Medien wie Zeitungen und Radio komplett erdrängt noch die Musik- und Filmindustrie vernichtet oder sämtliche Ladengeschäfte ruiniert. Trotz E-Mail verschicken die Menschen auch noch klassische Briefe mit der Post.

Das Internet zwingt allerdings jede Branche, sich anzupassen. Das Internet bricht alte, ineffiziente Strukturen auf und schafft neue, direktere Verbindungen zwischen Menschen. Durch Bitcoin sind demnächst eben zur Abwechslung mal die Finanzbranche und die Staatswährungen an der Reihe, die bisher von der Internet-Revolution weitestgehend verschont wurden.

In anderen Ländern gehen die Menschen ganz selbstverständlich mit mehreren Währungen zugleich um, oder?

Ja, wir Deutschen sind es gewohnt, im Alltag nur eine Währung zu benutzen, doch in vielen Ländern ist es Normalität, dass die Menschen mit mehreren Währungen hantieren. Mit Bitcoin wird es für uns ähnlich sein. Es wird Situationen geben, wo wir im Internet ganz natürlich mit Bitcoin bezahlen, und es wird Situationen geben, wo wir weiterhin mit dem Staats-Geld, also Euro, zahlen.

Das Zeitalter der staatlichen Geld-Monopole ist auf jeden Fall vorbei. Es wird Menschen geben, die Bitcoin vehement ablehnen, und andere, die den Euro meiden. Im Vergleich zu den letzten beiden Währungswechseln, die wir erlebt haben – von der Ost-Mark auf die D-Mark und dann auf den Euro –, wird dies aber eine ungezwungene softe Währungsreform, die über viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte abläuft.

Welches Potenzial hat Bitcoin in den nächsten zehn Jahren?

Ich persönlich glaube, dass Bitcoin das Potenzial hat, in den nächsten zehn Jahren unter die top drei der Weltwährungen aufzusteigen. Die großen Währungen wie Euro und Dollar werden sicher noch länger am Markt bleiben. Es wird ein langsamer Übergang sein. Die Wahl für oder gegen Bitcoin bleibt dabei immer eine freiwillige Entscheidung der einzelnen Menschen in jedem Land. Es wird Staaten geben, die versuchen werden, möglichst lange eine Verbreitung von Bitcoin in ihrem Gebiet zu verhindern – wie China, Indien oder Vietnam – und solche Staaten, die Bitcoin als Chance sehen und fortschrittlich damit umgehen – wie Japan, Neuseeland oder auch die Schweiz zum Beispiel.

Bitcoin ist in seiner Menge begrenzt, auf 21 Millionen Stück. Könnte das nicht zu einem Problem werden?

Die Aussage 21 Millionen Stück ist etwas irreführend, denn ein einzelner Bitcoin ist ja perfekt teilbar – aktuell in je 100 Millionen Unter-Einheiten, sogenannte Satoshi. Im Lightning-Netzwerk gibt es sogar schon tausendstel Satoshi. Es gibt also prinzipiell genügend Bitcoin-Einheiten für alle Menschen und Maschinen. Die Zahl 21 ist also ziemlich irrelevant, selbst ein einziger Bitcoin, der perfekt teilbar ist, wäre ausreichend.

Die Preise für Dienstleistungen und Güter werden sich in einem freien Markt automatisch auf die vorhandene Geldmenge einpendeln. Geld ist ja sowieso nur der Maßstab für die Preise der verschiedenen Güter zueinander, also zum Beispiel um auszudrücken, dass ein Smartphone etwa 2000 Mal teurer als ein Apfel ist. Der konkrete Preis, also die Zahl, für den Apfel oder das Smartphone, ist für sich allein genommen völlig bedeutungslos.

Die entscheidende Funktion von Geld ist, den Preisunterschied zwischen verschiedenen Waren und Dienstleistungen zu kommunizieren. Ein Wirtschaftssystem, in dem sich die Geldmenge allerdings ständig ändert – wie z.B. im Euro oder Dollar – führt zu Störungen im Preisgefüge und der Wirtschaft, selbst wenn diese Interventionen eigentlich gut gemeint sind. Es ist vielmehr die aktive Steuerung des Finanzsystems, die zu den sogenannten Boom- und Bust-Zyklen, Zombie-Unternehmen und Finanzkrisen wie 2008 führt.

Bitcoin ist der komplette Gegenentwurf dazu, ein System, in dem die Geldmenge einmal festgelegt und dann unveränderlich ist. Ähnlich wie beim „Metrischen System“, der Meter wurde als Maßstab für Größen und Längen vor ca. 300 Jahren einmal festgelegt und seitdem nicht mehr geändert. Es wäre sehr folgenschwer und ineffizient für alle Menschen, wenn man den Meter jedes Quartal neu definieren würde. Mit Bitcoin bekommt die Wirtschaft das, was Wissenschaftler und Ingenieure schon lange haben: ein globales Standardmaß für ihr Fachgebiet. Einen unveränderlichen Referenz für Werte und Bewertungen.

Etwa 2028 werden bereits rund 20 Millionen Bitcoin – also 95 Prozent der Maximalmenge – im Umlauf sein. Für die restliche eine Million werden dann noch 110 Jahre benötigt. Der letzte Bitcoin wird im Jahr 2105 begonnen verteilt zu werden und fast 40 Jahre lang ausgeschüttet. Es sind dann nur noch sehr kleine Beträge, Bruchteile eines Bitcoin, die täglich neu hinzukommen. Die Geldmenge wird dann faktisch nicht mehr erhöht. Das Netzwerk ist ab diesem Zeitpunkt dann ein reines Transaktionsnetzwerk. Damit bedient Bitcoin die Nachfrage vieler Menschen, die sich eine Währung ohne Inflation wünschen. Gerade in China. Dort ist der Handel mit Bitcoin sogar verboten, dennoch wird dort „auf der Straße“ gehandelt. Der Staat kann das Verbot selbst in diesem eher totalitär geführten Land nicht effektiv durchsetzen.

Warum schwankt der Wert von Bitcoin so extrem?

In einem System ohne zentrale Autorität kann ja niemand den Wert zentral fixieren. Und da Bitcoin kein Zwangsgeld ist, sondern freiwillig von den Menschen gewählt wird, ergibt sich der momentane Wert immer aus Angebot und Nachfrage. Da Geld potenziell jeden Menschen auf der Welt betrifft, sind derzeit ganze sieben Milliarden Menschen eingeladen, sich an der Wertfindung von Bitcoin zu beteiligen. Und dieser Prozess läuft weder koordiniert, vorhersagbar noch linear ab. Selbst heute gibt es jeden Tag noch Menschen die zum ersten Mal überhaupt von Bitcoin hören und anfangen, sich eine Meinung zu bilden.

Für die augenscheinlich extremen Schwankungen spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Zum einen steigt der Nutzen in einem Netzwerk mit jedem weiteren Nutzer exponentiell an. Dieses exponentielle Verhalten muss sich natürlich irgendwie im Wert widerspiegeln. Wen das im Detail interessiert, der findet auf unserer Website ein kostenloses Webinar zu diesem Aspekt.

Zum anderen gibt es bei Bitcoin alle vier Jahre eine Besonderheit, die sogenannten Halvings (Halbierungen), bei denen sich die täglich neu geschürfte Menge halbiert. Das nächste Mal passiert dies im Mai 2020, wodurch statt wie bisher 1800 Bitcoin pro Tag nur noch 900 dazukommen. Das klingt jetzt erst mal nicht so wild, aber es gibt keinen anderen freien Markt auf der Welt, in dem sich das Angebot vom einen auf den anderen Tag dauerhaft so drastisch verknappt.

In Finanzkreisen spricht man dabei vom sogenannten Stock-to- Flow-Faktor, der sich bei Bitcoin zusammen mit einem Halving alle vier Jahre verdoppelt. Also hier haben wir ebenfalls einen exponentiellen Vorgang. Die Bayrische Landesbank hat zu diesem Aspekt erst kürzlich eine umfängliche Studie veröffentlicht und Bitcoin mit Gold gegenübergestellt. Der Stock-to- Flow-Faktor von Gold wächst viel langsamer und hat Jahrtausende gebraucht, um den heutigen Faktor zu erreichen, den Bitcoin dann schon nächstes Jahr erreicht. Bitcoin durchläuft diesen Verknappungsprozess in Rekordgeschwindigkeit, und unser menschliches Gehirn ist nicht besonders gut darin, solche exponentiell ablaufenden Vorgänge zu begreifen.

Als drittes gibt es natürlich noch unvor-hersehbare, makro-ökonomische Ereignisse, die den Bitcoin Preis derzeit kurz-fristig in die eine oder andere Richtung beeinflussen können, da Bitcoin noch nicht die Liquidität und Markttiefe der ganz großen Währungen besitzt.

Sind die Schwankungen nicht auch eine Frage der Perspektive? Vielleicht schwankt der Bitcoin gar nicht, sondern der Euro?

Ja, das ist wie bei Erde und Mond. Wir gehen im Alltag immer davon aus, dass sich der Mond um die Erde dreht, weil wir nur diese eine Perspektive haben. In Wahrheit drehen sich aber Erde und Mond um ein gemeinsames Gravitationszentrum, einen Punkt im leeren Raum, den wir nicht sehen können. Ähnlich muss man sich ein unsichtbares ökonomisches Zentrum vorstellen, um das sich die verschiedenen Geld-Systeme drehen. Wer aus der Euro-Perspektive auf Bitcoin schaut, denkt: Der Bitcoin-Preis schwankt aber enorm! Wer aus der Bitcoin-Perspektive auf den Euro schaut, der denkt: Der Euro-Preis schwankt aber enorm! In Wahrheit sind es die Verschiebungen der beiden gegensätzlichen Systeme zueinander, die wir beobachten.

Als Tipp empfehle ich daher jedem, sich nicht auf den Tagespreis des Bitcoin zu konzentrieren, sondern auf einen gleitenden Mittelwert – beispielsweise den der letzten 200 Tage. Oder man betrachtet nur einfach die jeweiligen Jahres-Tiefststände. Dadurch bekommt man ein deutlich klareres Bild:

2012: $4

2013: $65

2014: $200

2015: $185

2016: $365

2017: $780

2018: $3200

Was halten Sie von der neuen Facebook-Währung Libra?

Libra ist keine neue Währung. Es ist ein digitaler Währungskorb aus Dollar, Euro und Yen. Darauf werden Coins und Token als Zahlungssystem entwickelt. So gesehen, ist Libra eher eine Konkurrenz zu Paypal als zu Bitcoin. Ziel von Libra ist es, eine möglichst stabile digitale Währung zum Euro und Dollar zu entwickeln. Es ist aber kein dezentrales System wie Bitcoin und erbt dadurch die systembedingten Schwachpunkte des Fiatgeld-Systems. Wir müssen aber erst mal abwarten, ob Libra tatsächlich kommt. Momentan ist der Start ja auf Ende 2020 verschoben.

Was raten Sie einem Anleger? Sollte er zur Diversifizierung seines Portfolios Kryptowährungen kaufen und wenn ja, wie viel?

Ich bin Technologe und kein Investmentberater. Was ich nur raten kann, ist Bitcoin zu lernen und zu verstehen. Gekauft ist der Coin schnell, verloren noch viel schneller. Seriöse Literatur dazu gibt es inzwischen, wenn auch oft nur in Englisch. Man sollte auch nicht mit einem vollständigen Bitcoin anfangen, sondern mit kleinen Satoshi-Beträgen. Die wenigsten Menschen kaufen sich einen kompletten Goldbarren, sondern kleinere Einheiten. Bitcoin ist keineswegs nur etwas für Gutverdiener.

Wir bieten kostenlose Webinare an, die den Einstieg erleichtern, sowie einen 6-Stunden Workshop, in dem wir die Leute an die Hand nehmen und durch den Prozess begleiten. Details findet man unter: blockchain.conserve.de


Das Gespräch führte Ulf Mallek.

Literaturtipps vom Experten Jörg Hermsdorf zum Thema Blockchain
„Bitcoingeld: Eine Geschichte über die Entdeckung von gutem Geld in Bitdorf“ von Michael Caras. Obwohl es als kurzes Kinderbuch daherkommt, ist es für die meisten Erwachsenen der beste Einstieg.

Außerdem sollte man „Der Bitcoin-Standard: Die dezentrale Alternative zum Zentralbankensystem“ von Dr. Saifedean Ammous lesen, welches seit Kurzem auch in einer deutschen Übersetzung vorliegt. Hier werden sehr starke Argumente präsentiert, warum Bitcoin die einzig realistische Alternative zum Zentralbankgeld-System ist.

Wer danach noch tiefer in den Kaninchenbau abtauchen will, dem empfehle ich „Ludwig von Mises für jedermann: Der kompromisslose Liberale (Ökonomen für Jedermann)“ von Professor Thorsten Polleit . Hier bekommt man einen guten Einstieg in die ökonomische Lehre.

Jörg Hermsdorf wurde 1979 in Dresden geboren. Er studierte Informatik an der TU Dresden, arbeitete als Programmierer, auch bei Audi und VW, ist Co-Founder einer Cloud-Services-Firma und seit 2014 Blockchain- Berater. Co-Founder der Conserve BlockChain GmbH wurde er 2018.


Jörg Hermsdorf

Jörg Hermsdorf Cloud- und Blockchain Experte, System Architect, Research & Co-Founder

Jörg hat Informatik und Kognitionswissenschaften an der TU Dresden studiert, mit Schwerpunkt auf Architekturen verteilter Systeme und IT-Sicherheit. Er war Unternehmensberater und Gründer eines App Start-ups. Als Mitgründer ist er der führende Ansprechpartner zu Themen rund um Blockchain-Technologie und Krypto-Währungen. Jörg untersucht seit 2010 die Bitcoin-Technologie auf Schwachstellen und Einsatzmöglichkeiten, sein fundiertes Fachwissen basiert auf jahrelanger Recherche und Interaktion mit der Bitcoin- und Blockchain Community.


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